Vom Wald das Beste: Kaffee-König Jens Kirmse

Jens Kirmse Zwiesel Kaffeerösterei

Zwiesel. In der ehemaligen DDR war Kaffeetrinken - im Vergleich zu Westdeutschland - nichts Alltägliches. Da Devisen fehlten, war die Deutsche Demokratische Republik auf dem Weltmarkt nicht in der Lage, an außergewöhnliche Güter zu kommen - die "Kaffeekrise" um 1977 war die Folge. Vor diesem Hintergrund wird die Wirkung von Jens Kirmses Worten gleich um einiges stärker. "Sonntags sind wir immer in bester Kleidung zur Oma gefahren", erzählt er. "Und dann wurde das Kaffeetrinken regelrecht zelebriert." Diese Erinnerungen haben sich eingeprägt. Kaffee als Luxusprodukt bestimmt seitdem das Leben des 57-Jährigen, der im Zwieseler Stadtkern die Kaffeerösterei Kirmse betreibt und ein ausgewiesener Experte für die kleinen, schwarzen Bohnen ist.

Die Biographie des sächsischen Waidlers Jens Kirmse ist nicht nur ein Loblied auf das koffeinhaltige Heißgetränk, sondern auch eine beispielhafte deutsch-deutsche Wiedervereinigungsgeschichte. Geboren und aufgewachsen in Naumburg an der Saale, ist er ein waschechtes Kind des Kommunismus. "Ich hatte eine schöne Kindheit, keine Frage", erinnert er sich. "Klar, wir lebten nicht im materiellen Überfluss. Doch ist das überhaupt wichtig?" Man hatte sich abgefunden mit den Nachteilen des "Systems". Man klagte nicht, sondern versuchte, aus dem Leben - unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen - das Beste zu machen.
 

"Wir lebten nicht im materiellen Überfluss. Doch ist das überhaupt wichtig?"
 


Zu den alljährlichen Highlights der Familie Kirmse zählte es unter anderem, wenn die Verwandtschaft aus dem Westen ein Weihnachtspäckchen schickte. Die darin enthaltene Schokolade wurde gewissenhaft unter den drei Geschwistern aufgeteilt und nur zu besonderen Anlässen vertilgt. Der Kaffee aus der BRD wurde gehütet wie ein Augapfel und eben nur an Sonn- und Feiertagen kredenzt. "Für uns war es etwas Außergewöhnliches, wenn wir für unsere Oma die Kaffeebohnen mahlen durften." Erinnerungen, die geblieben sind. Erinnerungen, die Kaffee zu etwas Besonderem im Leben von Jens Kirmse werden ließ, der nach seiner Schulzeit eine Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker absolvierte.
 

Kaffee, Lehre, Schokolade - all das wurde nebensächlich, als die Mauer fiel und die einstigen "Klassenfeinde" DDR und BRD zu einem Volk vereint wurden. Auch Jens Kirmse gehörte zu denjenigen, die die Reisefreiheit sofort ausnutzen und sich Anfang Dezember 1989 ins fremde, so innig herbeigesehnte Westdeutschland aufmachten. Am deutsch-deutschen Grenzübergang kontrolliert "wie ein Schwerverbrecher", mit dem Trabi auf den fünfspurigen Autobahnen, die hellleuchteten Reklametafeln in den Großstädten - auf seinem Weg nach Hamburg, seinem ersten dauerhaften Ziel, prasselten viele Eindrücke auf den jungen Mann ein, die es erst einmal zu verdauen galt.

Angekommen in der Hansestadt, verdiente sich Jens Kirmse seinen Lebensunterhalt zunächst als Hafenarbeiter. Langsam aber sicher gewöhnte er sich an die neu gewonnene Freiheit. Und auch seine Leidenschaft für Kaffee rückte wieder in den Vordergrund. Per Zufall wurde er auf Jens Burg, einen weitum bekannten Hamburger Kaffee-Guru aufmerksam. "Von da an wollte ich nichts anderes mehr, als von ihm zu lernen", blickt Kirmse zurück. "Doch ganz so einfach war das nicht, denn Jens Burg schenkte nur denjenigen Menschen Gehör, die sich auch wirklich mit Haut und Haar für Kaffee interessieren." Doch letztlich wusste der leidenschaftliche Koffein-Junkie aus dem Osten seinen künftigen Lehrmeister von sich zu überzeugen - und trat seine Ausbildung zum Kaffeeröster an. "Das war eine große Ehre für mich - ich durfte der einzige Lehrling von Jens Burg sein. Wahnsinn."


"Mir hat es dort auf Anhieb gefallen."


Bereits Anfang der 1990er entwickelte der gebürtige Naumburger eine zweite Leidenschaft - nämlich für den Bayerischen Wald. "Wir sind regelmäßig in den Urlaub nach Süddeutschland gefahren. Mir hat es dort auf Anhieb gefallen." Um die Jahrtausendwende zog er dann endgültig in den Woid - auch wenn viele seiner Freunde diesen Schritt nicht nachvollziehen konnten und ihn immer wieder ungläubig fragten, was er dort wolle. Doch Jens Kirmse fühlte sich sofort wohl in Zwiesel. Und auch beruflich fasste er relativ schnell Fuß. Zunächst betrieb er ein Kaffee in Bodenmais, 2007 eröffnete er dann seine eigene Kaffeerösterei in Zwiesel, direkt am Stadtplatz gelegen.
 

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Spielzeugmuseums in der Prälat-Neun-Straße hat er seitdem mehrmals umgebaut, sodass zur Rösterei inzwischen ein kleines Café, ein Verkaufsladen und ein Kaffeemuseum hinzugekommen sind. Den Weg von der Bohne zum frisch gebrühten Kaffee sowie die geschichtliche Entwicklung verschiedenster Kaffeemaschinen gibt es dort zu bewundern. Und auch Schokoladenverköstigungen sind bei Kirmse möglich. In dem liebevoll sanierten und eingerichteten Haus wird all denjenigen Produkten gehuldigt, die in der früheren DDR Mangelware waren.

 

Ein nimmermüder Entdecker und Wissensquell


Weitaus interessanter ist jedoch, diese Infos direkt von Jens Kirmse vermittelt zu bekommen. Während des Gesprächs entwickelt sich das Interview immer mehr zu einem Monolog. Der 57-Jährige kann erzählen und erzählen. Der viele Kaffee - genauer gesagt das darin enthaltene Koffein - scheint dazu beigetragen zu haben, dass der Zwieseler ein nimmermüder Entdecker und Wissensquell geworden ist. In seiner ganz eigenen - etwas fahrigen und hektischen, aber keinesfalls unsympathischen - Art berichtet er von zahlreichen Reisen in verschiedene Kaffeeländer, um neue, qualitativ-hochwertige Bohnen ausfindig zu machen. "Erst kürzlich habe ich in Mittelamerika 28 Bauernfamilien besucht, die mich seit Jahren mit Kaffee versorgen."

Angesprochen darauf, ob Jens Kirmse ein besonderes Augenmerk auf "fairen Handel" legt, erklärt er, dass eine gerechte Bezahlung nur bedingt möglich sei. "Ist der Endkunde nicht bereit, für gute Qualität auch ansprechend zu bezahlen, ist fairer Handel nicht möglich. Solange nur Billig-Produkte gekauft werden, wird es auch keinen fairen Handel geben." Ähnlich wie Öl habe sich Kaffee zu einem der meistgehandeltsten Produkte entwickelt, das auch für Finanzspekulanten von Interesse sei. "In der Folge ist um die schwarzen Bohnen ein großer Konkurrenzkampf entfacht, der mit dazu beiträgt, dass der Preis praktisch vom Weltmarkt diktiert wird."

Der Handel bzw. Kauf von Kaffee - eine vertrackte Angelegenheit, die beim Verzehr des Heißgetränks fehl am Platz ist, wie Jens Kirmse betont. Genuss habe nichts mit einem gedankenverlorenen Hinunterspülen zu tun, um den Koffeinbedarf abzudecken. "Zum Kaffeetrinken gehört viel Zeit." Und genau so viel Ruhe und Zeit ist auch beim Kaffeerösten nötig. "Während des Röstvorganges sprechen die Bohnen mit mir. Sie erzählen mir, was sie erlebt haben", berichtet Kirmse.
 

"Zum Kaffeetrinken gehört viel Zeit."


Beim Erhitzen der Kaffeebohnen - ein wichtiger Bestandteil des Röstens - vergrößern sich diese und durchbrechen ihre Schale. Das dabei entstehende Geräusch bezeichnet der Zwieseler als "Flüstern". Die Herstellung des Kaffees sei genauso eine komplizierte Sache wie der Anbau und die Ernte auf den Plantagen in Mittel- und Südamerika, Afrika oder Asien. Und auch bei der letztendlichen Zubereitung und dem Trinken gebe es viele Dinge, die falsch gemacht werden können, wie Kirmse betont. "Das Wichtigste: Der Kaffee muss schwarz getrunken werden. Nur so entfaltet sich sein volles Aroma", wie der Kaffee-Sommelier weiß.
 

Seine Expertise blieb nicht im Verborgenen. Inzwischen hat sich der 57-Jährige in der Kaffeebranche einen Namen gemacht. Zahlreiche Feinschmecker suchen und finden immer wieder den Weg in die Glasstadt, um das Geheimnis der schwarzen Bohnen in Erfahrung zu bringen. Der Zwieseler lockt so viele Touristen in den Bayerischen Wald. Verständlich, dass er seine Heimat dann auch präsentieren will. "Doch leider ist die Entwicklung in Zwiesel derzeit nicht besonders gut", stellt er fest. "Vor allem die Streiteren um die FNBW rücken die Stadt in ein schlechtes Licht." Zumal Tourismus-Vereinigungen wie die Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald den einzig richtigen Weg in eine touristisch glänzende Zukunft darstellen würden.

 

"Die Luft, die Landschaft, das Miteinander ist ein Genuss für mich."

Jens Kirmse hat sich in den Woid regelrecht verliebt, wie er zugibt. "Die Luft, die Landschaft, das Miteinander ist ein Genuss für mich." Deshalb hat er sich nach und nach seinen neuen Mitbürgern, Freunden und Bekannten angepasst. Nur mit dem waidlerischen Dialekt klappt es noch nicht wirklich. Die sächsische Mundart kann (und will) er nicht ablegen - er will seine Ursprünge nicht verbergen. Immerhin erinnern ihn diese immer wieder von Neuem an das Ritual des Kaffeetrinkens. An die besonderen Nachmittagserlebnisse bei seiner Oma, die ihn bis heute begleiten.