Vom Wald das Beste: Adrian Kreuzer aus Bayerisch Eisenstein

Musiker Adrian Kreuzer

Bayerisch Eisenstein. Grenzen sind für den 55-Jährigen künstlich erschaffene Konstrukte, die es zu überwinden gilt - sowohl in topographischer als auch imaginärer Hinsicht.

Als Bewohner von Bayerisch Eisenstein, unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze und somit am einstigen Eisernen Vorhang gelegen, weiß Adrian Kreuzer von Kindesbeinen an was es heißt, dass die Freiheit trotz einer schier unendlich wirkenden Landschaft ihre Schranken hat.

Eine leicht zu überspringende Hürde für ihn - der Waidler pflegt seit jeher ein gutes Verhältnis zu den östlichen Nachbarn.

Auch in seinem Beruf als Musiker hält er sich nicht wirklich an irgendwelche Vorgaben bzw. Musikrichtungen. Der gebürtige Zwieseler ist ein Grenzgänger - keiner, der seine Vorstellungen radikal durchsetzt, sondern ein Menschenversteher und - freund.

"Ja, ich hatte ein sehr, sehr glückliches Aufwachsen."

Die Gründe für diesen weltoffenen, empathischen und etwas widersinnigen Charakter sind tief im Inneren von Adrian Kreuzer zu finden - genauer gesagt in seiner Kindheit. Dabei lässt sich kein konkretes Schlüsselerlebnis ausmachen, sondern vielmehr ein Sammelsurium an Einflüssen und Erlebnissen. "Ja, ich hatte ein sehr, sehr glückliches Aufwachsen", stellt der Lockenkopf freudig fest.

Der Vater arbeitete bei der Arber-Bergbahn, wohin ihn sein Sohn immer wieder begleiten durfte. Die Mutter war Hausfrau und betrieb eine kleine Pension. Adrian Kreuzer genoss eine wohlbehütete Kinderstube mit allerlei Freiheiten, aber auch mit der Vermittlung moralischer Werte.

"Ich wurde zum Üben nie getrieben - ich hab' das einfach gern gemacht."

Eine wichtige Rolle bei seiner Erziehung spielte stets die Musik. So verwunderte es nicht, dass der junge Bub in die musischen Fußstapfen seines Vaters trat - und Akkordeon lernte. "Ich wurde zum Üben nie getrieben - ich hab‘ das einfach gern gemacht", erinnert sich der Eisenstoana.

Eine Anekdote, an die sich Kreuzer noch heute erinnern kann, verdeutlicht, dass er mit großem Talent gesegnet war. "Mein Vater hat meiner Mutter an Weihnachten eine Gitarre geschenkt. Diese habe ich mir gleich geschnappt und hab mir das Spielen selber beigebracht."

Sein Weg schien vorprogrammiert: Es ging stramm in Richtung Musikerkarriere. Doch ein Schicksalsschlag machte diese Träume - zumindest vorerst – zunichte: Kreuzers Vater verstarb völlig überraschend noch vor Adrians 18. Geburtstag. Der junge Mann musste in der Folge bereits früh familiäre Verantwortung übernehmen - der bereits geplante Wechsel an die Berufsfachschule für Musik in Plattling wurde hinfällig.

"Von Enttäuschung zu sprechen wäre wohl zu viel. Es war halt einfach so."

Eine Situation, mit der sich der Waidler gezwungenermaßen arrangieren musste. "Von Enttäuschung zu sprechen wäre wohl zu viel. Es war halt einfach so", blickt er nüchtern zurück. Er blieb in Bayerisch Eisenstein und absolvierte dort bei der Arber-Bergbahn eine Ausbildung zum Bürokaufmann.
Doch Kreuzer wäre nicht Kreuzer, wenn er auch diese Grenzen nicht irgendwann überwunden hätte.

Nach erfolgreicher Lehre zog es ihn nach München - weg von der Familie, von der Heimat, von der Musik. Für kurze Zeit ließ er sein bisheriges Leben hinter sich. Erst durch die Wehrpflicht und die Aufnahme in die Musikkapelle des Bundeswehrverbandes fand der junge Mann wieder zu seinen Wurzeln zurück. Einhergehend mit dem Wiederaufflammen seiner Leidenschaft für die Musik kam auch das Heimweh. "Ich wollte wieder zurück in den Woid. Einmal Waidler, immer Waidler."

"Einmal Waidler, immer Waidler."

Adrian Kreuzer nahm für diesen Schritt in Kauf, zunächst ohne Arbeit da zustehen. Im damals noch recht strukturschwachen Bayerwald fand er keine Anstellung als Bürokaufmann. Der Ausweg: Er baute das Haus der Oma zu einer Pension um und betrieb diese knapp zwei Jahrzehnte. Mitte der Neunziger lenkten zwei Schlüsselerlebnisse Kreuzers Schicksal in die für ihn richtige Richtung.

Auf der Münchner Wiesn, wo er seit 1988 regelmäßig mit der Kapelle Heinz Müller aus Ruhmannsfelden auftrat, lernte er seine Frau Monika kennen - und schaffte es endgültig in der Musikszene anzukommen: als (ungelernter) Profimusiker - etwas verspätet, aber doch. Grenze überschritten.

Vor allem Franz Moosauer ("Mit ihm hat es gleich gepasst“) nahm bei diesem prägenden Schritt eine maßgebliche Rolle ein. Der Chef der weitum bekannten Unterhaltungsband "Saxndi" wurde auf Adrian Kreuzer aufmerksam und nahm ihn 1999 in die Gruppe mit auf. Mit diesem Engagement sicherte sich der Eisenstoana sein Grundeinkommen.

Die wöchentlichen Auftritte der Coverband in ganz Deutschland bringen seitdem zwar Geld ein, beschränken jedoch Adrian Kreuzers Kreativität, wie er sagt - muss er doch regelmäßig dieselben Partyhits zum Besten geben. "Ja, das stimmt schon. Das ist Mainstream vom Feinsten. Aber irgendwie muss ich mein Leben finanzieren."

"I bi a weng a Vogel, des stimmt scha."

Ernste Worte, die die heutige Lage des Vollblut-Musikers verdeutlichen. Worte, die Adrian Kreuzer kurz nachdenklich werden lassen. Jedoch nur für einen kurzen Moment. Denn generell ist der 55-Jährige ein lebensbejahender, lustiger Typ. "Ich würde mich als fröhlich und etwas kindisch beschreiben", sagt er. Das Schmunzeln seiner Frau bestätigt diese Aussage und den Eindruck, den man schnell gewinnt, wenn man sich mit ihm unterhält.

Auch das Vorurteil, Künstler seien etwas anders gestrickt, bestätigt er mit einem Lächeln: "I bi a weng a Vogel, des stimmt scha." Mit seiner lockig-wilden Haarpracht wirkt er wie ein ergrautes Bernhard-Brink-Double – wobei im Gegensatz zum Schlagersänger bei ihm nicht die Show, sondern das musikalische Können im Vordergrund steht.

Seine kreative Ader und die Sicherheit durch das Saxndi-Engagement ermöglichen es Adrian Kreuzer, seinen Ideen freien Lauf zu lassen. Er überschreitet - ob bewusst oder unbewusst, sei an dieser Stelle dahingestellt - musikalische Grenzen: In Anlehnung an Ottfried Fischers "Schlachthof" rief er vor einigen Jahren die "Boarische Late Night Show" ins Leben, die der Regionalfernsehsender „DonauTV“ produziert und ausstrahlt.

Vom schnöden Bürokaufmann zum musikalischen Tausendsassa

Ein Format, das sich mittlerweile etabliert hat. Er gründete im Laufe der Jahre zudem mehrere Gruppen, spielt Kirchenorgel und ist als Musiklehrer tätig. Darüber hinaus bringt er als Veranstalter immer wieder zahlreiche Künstler in den Bayerischen Wald. Vom schnöden Bürokaufmann zum musikalischen Tausendsassa. Die Aufträge werden mehr, die Zeit wird weniger.

Dem Stress des Alltags entflieht er vor allem durch Wanderungen in der Ferienregion Nationalpark Bayerischer Wald. In der Natur tankt er die nötige Kraft für das hektische Treiben auf der Bühne. "Langweilig wird mir nicht so schnell. Und wenn ich mal Zeit habe, genieße ich meine Freiheit." Als Ziel seiner Woid-Touren wählt er eher ruhigere Wege aus -  wie etwa den auf den Falkenstein.

Aus seinem Heimatort, der ehemaligen Touristen-Hochburg Bayerisch Eisenstein, ist inzwischen „ein normales Bayerwald-Dorf“ geworden, wie er sagt. Eine Entwicklung, die der 55-Jährige aus wirtschaftlicher Sicht bedauert, aus persönlichem Interesse aber befürwortet. "Eisenstoa ist nicht tot! Im Gegenteil. Man kann hier wirklich gut leben." Längst gehöre die Grenze, die den Ort einstmals in zwei Teile spaltete, der Vergangenheit an - Tschechen und Deutsche seien zu einer Einheit verschmolzen.

Und Adrian Kreuzer spielt dabei eine wichtige Rolle - er bezeichnet sich selbst als "Integrationsbeauftragten". Der Grund: "Viele Tschechen wohnen inzwischen auf der deutschen Seite und gehören zu meinen Freunden. Irgendwie bin ich immer als Vermittler gefragt."
Aus den ehemaligen Grenzvölkern sind Kreuzer zufolge inzwischen Freunde geworden. Die anfänglichen Berührungsängste seiner Meinung nach längst vergessen.

"Wir leben oftmals noch etwas nebeneinander her, nicht miteinander. Das ist schade."

Und dennoch würden weiterhin Vorurteile auf beiden Seiten herrschen. "Wir leben oftmals noch etwas nebeneinander her, nicht miteinander. Das ist schade." Die Sprachbarriere sei hier nur ein Nebenaspekt. Der 55-Jährige fordert eine bessere Vernetzung in Sachen Wirtschaft und Tourismus, wovon die gesamte Region profitiere.

"Wir leben ja in derselben Gegend, haben die gleichen Voraussetzungen und Probleme. Deshalb müssen wir noch besser zusammenarbeiten." Gut durchdachte Worte, die ihm nicht so leicht über die Lippen kommen wie die Erzählungen über seine Musikkariere.

Worte, die wiederum dazu auffordern, Grenzen zu überschreiten. Nicht auf eine radikale Art und Weise, sondern besonnen und mit Bedacht. Ihn als "sanften Revolutionär", als Grenzgänger, zu bezeichnen, ist daher angebrachter als ihn als aufmüpfig oder gar dickköpfig zu beschreiben.

Sein Lebensweg zeigt, dass es manchmal anders kommt, als man erwartet - Träume am Ende aber trotzdem erfüllt werden können, wenn man seine Ziele nicht aus den Augen verliert und dem Schicksal vertraut.


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